Zurück auf die Schulbank

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Regelmäßige offene Gespräche mit den Lehrern haben auch dazu geführt, dass die Kinder mir nicht mehr all zu viel verheimlichen können. Einer der Lehrer ruft mich sogar außerhalb der regulären Sprechtage an, wenn es Probleme oder auch gute Nachrichten gibt.

Björns Versetzung konnte ich trotz aller Gespräche nicht retten. Er hatte beschlossen die Flügel hängen zu lassen, und fing nicht mehr an zu flattern, bis das Schuljahr vorbei war.

Aber auch das wusste ich bereits, bevor er mit dem Vermerk im Zeugnis nach Hause kam. Deshalb entstand bei uns bis heute nie eine Situation, in der die Kinder Anlass gehabt hätten, sich mit einer Note oder Nachricht nicht nach Hause zu trauen. Sie kamen immer mit dem Gefühl nach Hause „Papa weiß sowieso Bescheid“. Und mit dem Wissen „Papa wird mir nicht den Kopf abreißen.“

Fachkräfte engagieren

Die Schule stellt heute sehr spezifische Anforderungen an die Kinder. Ob diese Anforderungen höher oder geringer sind als zu meiner Zeit, lasse ich dahingestellt, aber ganz sicher sind es andere Anforderungen.

Und wer nicht gerade selbst Lehrer ist, hat als Elternteil alle Mühe, sich auf diese Anforderungen einzustellen. Das beginnt schon in der Grundschule mit der neuen Rechtschreibung, die längst nicht jeder Erwachsene verinnerlicht hat. Und auf den weiterführenden Schulen driften das, was Papa weiß und das, was Junior lernen soll, entgültig auseinander.

Selbst, wenn Sie fachlich dem Stoff durchaus gewachsen sein sollten, spricht einiges dagegen, Junior selbst auf die Sprünge zu helfen: „Der Prophet gilt nichts im eigenen Lande“, heißt es schon in der Bibel, und meine Kinder bewiesen mir mehrfach, wie zutreffend diese Feststellung ist. Wenn ich versuchte, Björn die Grundzüge der englischen Grammatik zu vermitteln oder Patrick den Satz des Pythagoras erklärte, immer hörte ich: „Wir haben das aber anders gelernt. Das geht so nicht.“

Ein Gespräch mit den Lehrern half auch hier weiter: Alle Lehrer in den für Björn und Patrick kritischen Fächern konnten ihnen ältere Schülerinnen vermitteln, die ihnen für 7,50 Euro pro Stunde das sagten, was sie von mir nicht hören wollten. Das war in mehrfacher Hinsicht ein gutes Geschäft. Zum ersten ist meine Arbeitsstunde ein gutes Stück teurer, zum zweiten ist der Lerneffekt wesentlich höher, wenn jemand außerhalb der Familie die Nachhilfe übernimmt und drittens hat ein strenges Wort der fremden Nachhilfelehrerin keinerlei negative Auswirkungen auf den häuslichen Frieden.

Soziale Netze

Es ist ein uraltes Klischee, Kinder aus so genannten nicht-intakten Familien würden von ihren Mitschülern gemieden. Das mag vor ein oder zwei Generationen der Fall gewesen sein, doch heute, wo fast jede zweite Ehe wieder geschieden wird, sind solche Kinder keine außergewöhnlichen Erscheinungen mehr.

Ich habe es von Anfang an meinen Kindern überlassen, ob und mit wem sie über unsere neue Situation reden wollten. Die Situation an sich ist belastend genug, da sollten sich die Kinder nicht auch noch damit quälen müssen, alles schweigend in sich hinein zu fressen. Das Risiko spottender Mitschüler ist ohnehin größer, wenn die Spottdrosseln etwas entdecken, das bis dahin sorgsam geheim gehalten wurde. Ein offensiver Umgang mit der neuen Situation hat zumindest meinen Kindern Bloßstellungen durch ihre Mitschüler erspart.

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