Zurück auf die Schulbank

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„Versetzung gefährdet“ sind die Schlüsselwörter, die Dirk aus dem Brief anspringen, den er gerade geöffnet hat. Dass es mit Patrick schulisch nicht zum besten steht, hat er gewusst, aber die Benachrichtigung irritiert ihn doch. „Die übertreiben immer“, versucht Patrick am Nachmittag zu beschwichtigen. Erst in der Eltern-Sprechstunde kann sich Dirk ein vollständiges Bild von diesen „Übertreibungen“ machen.

Als ich 14 Jahre alt war, heiratete meine Mutter zum zweiten Mal. Bis dahin hatte sie mich fast zehn Jahre allein versorgt. Ich war immer ein relativ guter Schüler gewesen, aber in jenem Jahr sackte ich in fast allen Fächern drastisch ab und musste das Schuljahr schließlich wiederholen. Ich machte mir also keinerlei Illusionen, was die schulischen Leistungen meiner Kinder betraf, gerade jetzt, unmittelbar nach der einschneidenden Änderung unserer familiären Situation. Ich wusste aus dieser Erfahrung heraus aber auch, dass es nach einer Zeit der Verarbeitung wieder bergauf gehen würde. Und ich hätte meinen Kindern gern das Sitzenbleiben erspart.

In der Tat brachen auch nicht alle vier in ihrer schulischen Leistung ein. Michèl, der seiner Natur nach als Streber gelten könnte, bezog schon früh sein Selbstwertgefühl aus seinen Schulnoten. Von der eigenen Mutter verlassen zu werden, ist ein herber Schlag für das Selbstwertgefühl, und Michèl machte diese Delle wett, indem er sich in der Schule noch mehr anstrengte – mit entsprechendem Erfolg.

Sein Zwillingsbruder Björn, der die Schule schon immer als ärgerliche Unterbrechung seiner Freizeit betrachtet hatte, reagierte in die entgegengesetzte Richtung. Seine Schulnoten rutschen in den Keller, und seine Lehrer beklagten, er beteilige sich weder am Unterricht, noch mache er all zu häufig seine Hausaufgaben.

Patrick engagierte sich nach Aussage seiner Lehrer weiter stark im Unterricht. Mit dem Schlussgong fand dieses Engagement jedoch täglich ein jähes Ende, Hausaufgaben machte er nur mit äußerstem Widerwillen, und den sah man optisch und inhaltlich. Er schien in der Schule um Anerkennung zu kämpfen und hatte diesen Kampf augenscheinlich zu Hause aufgegeben.

Selina war die einzige, deren Leistungsbild sich anscheinend nicht veränderte. Sie war einige Monate nach Tag X am Gymnasium eingeschult worden, das auch ihre Brüder besuchten, und offenbar genügte ihr die Herausforderung der neuen Schule, um den Schlag durch den Auszug ihrer Mutter zu kompensieren.

Lehrer sind Partner

Wenn ich mein Auto zur Reparatur in die Werkstatt bringe, kann ich erwarten, dass ich es einwandfrei repariert zurück bekomme, und wenn das nicht der Fall ist, habe ich das gute Recht, dort kräftig Krach zu schlagen.

Eine große Zahl von Eltern – nicht unbedingt allein erziehende – schicken ihre Kinder mit der gleichen Erwartungshaltung zur Schule, und schlagen entsprechend Krach, wenn es dem Lehrer nicht gelingt, ihrem Kind das im Lehrplan vorgesehene Wissen „einzubauen“.

Doch das System „Schule“ funktioniert so nicht.

Ich will Lehrern ein grundsätzliches Interesse an ihren Schülern gar nicht absprechen und möchte hier auch nicht die Diskussion um stärker leistungsorientierte Bezüge für Lehrer entfachen. Aber Tatsache bleibt: Die Hauptverantwortung dafür, ob ein Kind die Schule und später das Leben erfolgreich meistert, liegt bei den Eltern, und bei ihnen sollte man folglich auch das größere Interesse an der (auch) schulischen Entwicklung erwarten. Der beste Landwirt der Welt kann Ihnen keine reiche Ernte garantieren, wenn Sie als Feld nur einen Betonplatz bereitstellen.

Kurze Zeit nachdem meine Frau uns verlassen hatte, besuchte ich den Elternsprechtag und erklärte allen Klassenlehrern unsere neue familiäre Situation. Ich will nicht behaupten, das sei mir leicht gefallen, aber unsere heutige Gesellschaft bringt allein erziehenden Vätern mehr Verständnis und Anerkennung entgegen, als das noch vor einigen Jahren der Fall gewesen ist. Früher oder später erfahren die Lehrer ohnehin, was los ist. Je früher die Lehrer Bescheid wissen, desto besser können sie auch auf die Kinder eingehen, die wahrscheinlich gerade in der ersten Zeit ein auffälliges Verhalten zeigen werden.

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