Störfaktor Hass

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Zwei Wege, den Hass zu besiegen

Schon vor diesem Umschlagen der Gefühle entdeckte ich ein zumindest vorübergehend wirkendes Hass-Antiserum: Unser Auto ging kaputt! Und weil ich weiterhin für fünf Esser einkaufen musste, blieb mir nur das Fahrrad. Mit einem wohl gefüllten Rucksack durch den warmen Frühling zu strampeln, ist seither die beste mir bekannte Methode, Aggressionen abzubauen.

Nach einer solchen Rad-(Tor-)-Tour erreichte ich unser zu Hause stets im Zustand einer wohligen Erschöpfung, verbunden mit dem Gefühl, außergewöhnliches geleistet zu haben. Für Hass war da kein Platz mehr. Und wohl auch keine Energie. Wenn Sie in einer vergleichbaren Situation stecken, aber zu ihrem Fahrrad ein ähnliches Verhältnis haben wie zu Ihrer Ex, versuchen Sie es mit einer anderen Sportart. Einer Kraft- oder Ausdauersportart, würde ich empfehlen. Bogenschießen und Speerwerfen könnten Sie hingegen auf falsche Gedanken bringen, und es ist auch der völlig falsche Zeitpunkt, dem örtlichen Schützenverein beizutreten.

Es gibt noch einen Weg, den Hass in seine Schranken zu weisen. Er mag Ihnen albern vorkommen, aber zumindest bei mir hat er vorübergehend gewirkt.

Ich vergab ihr.

Ich verlor nichts dadurch, dass ich ihr vergab, und ich entschuldigte damit nicht, was sie getan hatte. Aber sie war, was sie war, und sie tat, was sie tat, mit oder ohne meine Vergebung.

Ich war immer stolz darauf, jemand zu sein, der zu seinem Wort steht, und wenn in den folgenden Wochen der Hass sich meldete, dann sagte ich mir: „Du hast ihr doch vergeben. Du hast kein Recht mehr, zornig zu sein, wenn du zu deinem Wort stehst.“ Der Zorn verschwand dann nicht gleich, aber er blieb auf einem erträglichen Niveau. Für mich war es wichtig, ihr zu sagen, dass ich ihr vergeben hatte, denn erst dadurch war ich an mein Wort gebunden.

Es ist keine große Sache, seiner ehemaligen Partnerin zu vergeben. Die Beziehung verändert sich dadurch nicht mehr. Ihrer Ex weiter zu grollen, führt leider nicht bei ihr, sondern bei Ihnen zu Magengeschwüren. Von der verlorenen Zeit ganz abgesehen. Hass schadet nur Ihnen selbst.

Ich konnte mich ganz gut damit arrangieren, sie „nur noch“ zu verachten. Ihr Wissen um die Tatsache, dass ich sie verachte, tut ihr weh, während ich selbst prächtig damit klar komme. Womit ein klein wenig die Gerechtigkeit wieder hergestellt ist.

Gute Miene

Das aktuelle Kapitel ist der Grund, weshalb dieses Buch gern jeder lesen kann, mit Ausnahme meiner Kinder. Ich gebe mich nicht der Illusion hin, sie wüssten nicht, was ich für ihre Mutter empfinde – dazu haben sie in der Trennungsphase zu viele Auseinandersetzungen beobachten können und dafür bin ich auch heute ein viel zu schlechter Schauspieler, wenn ich in ihrer Gegenwart mit ihrer Mutter sprechen muss.

„Für seine Gefühle kann man nichts“ – diesen Satz nehmen vor allem diejenigen für sich in Anspruch, die von Zeit zu Zeit den Lebensabschnittsgefährten wechseln. Im Grundsatz stimme ich dem zu. Aber man kann etwas dafür, was man daraus macht.

Wenn ein Elternteil die Familie verlässt, spüren die Kinder Zorn auf diesen Elternteil. Für den, der mit den Kindern zurück bleibt, wäre es deshalb ein leichtes, die Kinder für die eigene Position einzunehmen und dem ehemaligen Partner vollständig zu entfremden.

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