Störfaktor Hass

Seiten: 1 2 3

Ein paar Monate sind vergangen seit dem gefährlichsten Tag in Dirks Leben. Am 12. Dezember hatte seine Frau ihm ihre Außenbeziehung offenbart, und hatte von da an begonnen, diese neue Beziehung ganz offen auszuleben. Auch die Nacht vom 22. auf den 23. Dezember hatte Dirk allein verbracht und höchstens zwei oder drei Stunden unruhig geschlafen. Die Kinder hatten Ferien und schliefen noch, als er an diesem Morgen das große Campingmesser aus dem Schrank nahm, sich in seinen alten blauen Chrysler Voyager setzte und nach Solingen fuhr. In den Unterlagen seiner Frau hatte er eine genaue Wegbeschreibung gefunden, und nach einer halben Stunde stand er vor der richtigen Tür. Das Messer unter seiner schwarzen Lederjacke verborgen, klingelte er. Was geschehen wäre, hätte jemand die Tür geöffnet, weiß niemand so genau.

Hass und Wut waren mir in der Zeit der Trauer wirkliche Hilfen, weil sie den ganzen Schmerz von innen nach außen kehrten.

Aber Hass und Wut werden zu einem echten Problem, wenn sie außer Kontrolle geraten. Nun war meine Frau zwar gegangen, aber ich wusste wohin. Und ich weiß, wie man mit einfachsten Mitteln ein Auto zum Explodieren bringen kann – wie, das verrate ich hier lieber nicht, denn wenn Sie in einer vergleichbaren Situation sind, wäre es unklug, Sie mit diesem Wissen allein zu lassen. Und so kämpfte ich am Abend des Tages X genau wie an vielen anderen Abenden mit mir selbst.

Die erste Frage, die ich mir stellte, war: „Würden sie mich kriegen?“ Und die Antwort lag auf der Hand. Ich hatte ein starkes Motiv, und irgendeine Spur würde bis zu mir zurück verfolgt werden können.

Den Ausschlag gaben schließlich – wieder einmal – die Kinder: Wäre ich nicht genau so mies wie ihre Mutter, wenn ich in Kauf nähme, für fünfzehn Jahre aus ihrem Leben zu verschwinden?

Andere moralische Bedenken hatte ich damals nicht.

Hass birgt nicht nur das Risiko, zum Mörder zu werden, er raubt auch Energie, die man eigentlich sinnvoller verwenden könnte. Besonders spürbar wurde der Hass in allen Momenten des Alleinseins, die wir in guten Zeiten gemeinsam verbracht hatten. Einer davon war der fast tägliche Spaziergang mit unseren beiden Hunden. Streitgespräche, die wir geführt, und solche, die wir nie geführt hatten, setzte ich dabei im Geiste fort und oft genug stellte ich mir vor, wie ich sie schlug – und schlimmeres.

Dennoch glaube ich heute, dieser Hass musste sein, denn um ein starkes Gefühl auszulöschen, ist ein anderes starkes Gefühl nötig. Hass und Wut haben mir geholfen, das Leiden einer unglücklich beendeten Liebe zu lindern.

Allerdings hat der Hass mich auch ganz kräftig vom Arbeiten abgehalten, er hat mich das Essen verwürzen und anbrennen lassen, hat mich die Kinder anschreien lassen, wo ich ihnen Verständnis hätte entgegen bringen sollen.

Nur ganz langsam schlug dieser Hass in Verachtung um. „Noch so ein böses Gefühl“, mögen Sie denken, aber es ist ein enormer Fortschritt in der Innenwelt: Hass drängt sich ständig in den Vordergrund und treibt einen zu destruktivem Handeln. Verachtung ist einfach nur da und bleibt still im Hintergrund – bis zu dem Augenblick, in dem es darum geht, seine Achtung zum Ausdruck zu bringen. Wenn meine Ex wegen irgendwelcher Angelegenheiten bei mir anrief, grüßte ich sie nicht und legte zum Abschied wortlos auf – es sei denn, sie sagte etwas, das mir nicht passte, dann legte ich schon vorher wortlos auf.

Wo denn da der Unterschied zum Hass sei, wollen Sie wissen? Ich denke, es machte für meine Ex einen Unterschied, nicht mehr lautstark als „Schlampe“ beschimpft zu werden, und am Ende eines Telefonats kein „Fahr zur Hölle“ hören zu müssen. Es dauerte eine ganze Zeit, bis ich so weit war.

Seiten: 1 2 3