Pubertät und andere Geisteskrankheiten

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Sex and Drugs and Rock’n Roll – und warum?

Vom Rock’n Roll einmal abgesehen, ist die Pubertät freilich auch die Zeit, in der Jugendliche in ernste Schwierigkeiten geraten können. Die Tochter eines Freundes wurde mit 17 Jahren schwanger, der Sohn eines Bekannten wurde mit 16 beim schwunghaften Handel mit Ecstasy geschnappt und die 15jährige Tochter einer Freundin schloss sich einer rechtsextremen Vereinigung an.

Von solchen Hiobsbotschaften sind meine Kinder und ich bis jetzt verschont geblieben. Ich bilde mir aber nicht ein, das Patentrezept gegen diese Probleme gefunden zu haben. In der Pubertät lösen sich Kinder von ihren Eltern und gehen neue Bindungen ein. Und sehr vieles hängt davon ab, in welche Gesellschaft sie dabei geraten. Ich kenne die Mehrzahl der Freunde meiner Kinder und denke deshalb, dass ich mir keine Sorgen machen muss. Aber ich weiß auch, dass mein Einfluss im Laufe der fünf bis zehn Jahre auf einen Wert knapp über Null zurückgehen wird. Und das ist auch gut so.

Einige Psychologen teilen die menschlichen Bedürfnisse in fünf Kategorien ein: Die unterste Stufe bilden die körperlichen Grundbedürfnisse. Direkt darüber rangiert das Bedürfnis nach Absicherung. Die dritte Stufe bildet das Bedürfnis nach Zugehörigkeit, das Statusbedürfnis rangiert noch darüber und ganz oben auf der Bedürfnistreppe steht der Wunsch nach Selbstverwirklichung.

Jugendliche in der Pubertät konzentrieren sich nach dieser Theorie auf die Bedürfnisse nach Zugehörigkeit (zu einer Clique, zur Schulklasse oder zu einer anderen Gruppe von Jugendlichen) und Status (also Rang und Ansehen innerhalb dieser Gruppe).

Diese Theorie erklärt recht gut, warum Jugendliche in Bezug auf Kleidung und Verhalten überraschende Vorlieben entwickeln, nach kurzer Zeit wieder verwerfen und urplötzlich die entgegengesetzte Richtung einschlagen.

Eine Eineltern-Familie kann hier sogar einen Vorteil bieten, denn hier sind die Jugendlichen und der Vater in viel stärkerem Maße wechselseitig voneinander abhängig. Es ist keine Schande, das zuzugeben, sondern vermittelt den Jugendlichen ein Gefühl der Zugehörigkeit und Verantwortung. Auch das Statusbedürfnis kann auf diese Weise gestillt werden – mit kleinen Statussymbolen, die gleichzeitig Zeichen der Anerkennung sind. Warum nicht eine Armbanduhr als Lohn für hervorragende Unterstützung beim Tapezieren oder ein witzig beschriftetes T-Shirt für besondere Leistungen beim Zubereiten von Mahlzeiten? Nicht der Preis, sondern die Geste zählt.

Anerkennung erwarten Jugendliche nämlich nicht nur von Gleichaltrigen, sondern auch und gerade von ihren Eltern. Aus ganz persönlicher Erfahrung weiß ich, dass (zumindest mich) ein kleines Lob wesentlich stärker motiviert als der kräftigste Anschiss – egal, wie berechtigt der gewesen sein mag.

Soweit die Theorie.

In der Praxis stehen dem friedlichen Miteinander, in dem sich Jugendliche gebraucht und geborgen fühlen, vor allen Dingen die angeschlagenen Nerven des Vaters entgegen. Ich bin ein von Natur aus ruhiger Typ, aber irgendwann ist auch meine Belastungsgrenze erreicht und meine Stimme wird wesentlich lauter als geplant und angemessen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass meine Autorität nicht darunter leidet, wenn ich anschließend sage „Tut mir leid, ich habe überreagiert. Entschuldige bitte, wenn ich dich verletzt habe.“ Das ist gar nicht so schwer, wenn man es einmal versucht hat.

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