Die Kavallerie

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Mit ahnungslosen Ratgebern wird man am ehesten fertig, wenn man sich höflich für die guten Ratschläge bedankt, und sich bemüht, sie schnellstens zu vergessen. Ein guter Ratgeber zeichnet sich nach meiner Erfahrung dadurch aus, dass er zuhört, bevor er redet. Und je mehr er aus eigener Erfahrung sprechen kann, desto wertvoller wird sein Rat ausfallen.

Neben ahnungslosen und kompetenten Ratgebern gibt es eine dritte Kategorie, die sich nicht auf Anhieb zuordnen lässt: Motivations-Rhetoriker, die mit Sprüchen aufwarten wie „Wer die Umstände nicht schafft, den schaffen die Umstände“ oder „Wenn du nicht lernst, deinen Zorn zu beherrschen, wird der Zorn dein Herrscher sein.“

Ehrlich, ich habe so jemanden in meinem Bekanntenkreis. Und von Zeit zu Zeit sind seine Weisheiten sogar recht brauchbar. Das Geheimnis hinter solchen Weisheiten ist die fehlende konkrete Aussage. Derart allgemein formulierte Aussagen regen Denkprozesse an. Die konkrete Umsetzung sieht bei jedem anders aus. Erinnern Sie sich an die Aussage

„Ich stelle mir Festigkeit wie ein Seil vor. Ein Seil kann einem Kletterer an steilen Wegstücken Sicherheit geben, ein Seil kann aber auch verwendet werden, um jemanden in seiner Bewegungsfreiheit einzuschränken, und sogar, um ihm die Luft abzuschnüren.“ ?

Bedeutet das nun, dass Ihre Tochter um acht Uhr zu Hause sein muss, oder darf sie bis Mitternacht auf die Rolle gehen? Beides, und zwar abhängig davon, was Sie draus machen.

Die besten Ratgeber sind aber zweifellos solche, die in einer ähnlichen Situation stecken oder ähnliche Probleme bewältigen mussten wie Sie. Woher nehmen, wenn nicht stehlen?

Nun ist es zum Glück noch keine Selbstverständlichkeit, an jeder Ecke jemanden zu finden, der eben von seiner Frau verlassen wurde und nun das Leben mit seinen vier Kindern allein bewältigen muss.

Und nicht jeder, der in der gleichen Lebenssituation steckt wie man selbst, ist auch ein erbauender Gesprächspartner, wenn man selbst gerade auf dem Zahnfleisch geht. In der Zeit unmittelbar nach der Trennung von meiner Frau unterhielt ich mich mit einem Bekannten, dessen Frau ihn vor rund einem Jahr verlassen hatte, und musste feststellen, dass er die Trennung in diesem Jahr kaum bewältigt hatte, sondern immer noch latent selbstmordgefährdet war.

Ich will damit nicht sagen, man solle sich von Menschen fern halten, denen es schlecht geht. Im Gegenteil, anderen zu helfen, verbessert auch die eigene Verfassung nachhaltig. Aber es hat keinen Sinn, Rat und Orientierung bei Menschen zu suchen, die ihre Probleme noch nicht gelöst haben. Das Gespräch mit diesem Bekannten nahm mich damals derart mit, dass ich mich ernsthaft fragte, ob ein solches Leben jemals wieder lebenswert werden könne. Zum Glück fand ich sehr schnell andere Vorbilder, solche, die es geschafft hatten und aus ihrer Lebenskrise in ein glückliches, ausgeglichenes Leben zurück gefunden hatten. Allerdings sind solche Menschen gar nicht so leicht zu finden, denn sogar enge Bekannte erzählen einem nicht unbedingt, welche Lebenskrisen sie in der Vergangenheit bewältigt haben.

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