Die Kavallerie

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Der Tag geht. Und Dirk ginge am liebsten mit ihm. Patrick hat heute das Essen verweigert, mit dem Kommentar „Nicht mal Schweine essen so einen Fraß.“ Björn hat ihm wortlos die Fünf in Französisch auf den Tisch gelegt. Michèl hat in Selinas Kunst-Hausaufgaben herum gemalt und Selina hat ihm aus Rache den Strom abgestellt, als er an seinem Computer saß. Am selben Stromkreis war aber auch Dirks Computer angeschlossen, der dadurch die Arbeit einer halben Stunde verloren hat. Einer der Verlage, für die Dirk arbeitet, hat just an diesem Tag beschlossen, ein Magazin einzustampfen, das für Dirk bislang Haupt-Einnahmequelle war. Ein hohes Honorar steht noch aus, und ob das je fließen wird, ist fraglich. Und seine Bank hat sich geweigert, den Kredit zu verlängern. Als sich Dirk einen Drink einschüttet, geht die Hälfte daneben, und damit er nicht noch mehr verschüttet, packt er das Glas mit beiden Händen.

Es gibt Tage, an denen ein allein erziehender Vater ernsthaft in Erwägung zieht, seine letzten Bar-Vorräte in Rotwein anzulegen und unter die nächste Brücke umzusiedeln. Die Probleme, mit denen ich an diesem Tag konfrontiert war, haben auch intakte Familien zu ertragen. Aber es ist ungleich schwerer, sich diesen Problemen allein zu stellen. Ich hätte nur zu gern gesagt „Ich kann nicht mehr“, aber nicht mehr können ging nicht.

Zu Beginn meiner Karriere als allein erziehender Vater hatte ich den Ehrgeiz, alle anstehenden Probleme allein innerhalb unserer Rest-Familie zu lösen. Hilfe von außen lehnte ich dankend ab, „wir kommen schon klar.“

Diese Haltung war zunächst überlebenswichtig für mein Selbstvertrauen. Und auch die Kinder brauchten das Gefühl, der neuen Situation nicht hilflos gegenüber zu stehen.

Und wir bewältigten tatsächlich jedes Problem, Tag für Tag, Monat für Monat. Marathonläufer kennen den Punkt, an dem der ganze Körper schmerzt und es nahezu unmöglich erscheint, noch weiter zu laufen. Wer über diesen Punkt hinaus läuft, verliert vorübergehend alle Schmerzen und die Erschöpfung weicht einem rauschhaften, euphorischen Zustand.

Doch dieser Rausch ist eine Illusion. Die Ressourcen des Körpers werden ja nicht tatsächlich wundersam erneuert, sondern sind derart im Schwinden begriffen, dass das Gehirn einen Stoff freisetzt, um den Schmerz erträglich zu machen.

Genau so ging es mir. Eine Zeit lang waren die täglichen Herausforderungen ein Kampf. Dann kam eine Zeit, in der alles von selbst zu laufen schien, weil vieles zur Routine geworden war. Doch auch die Routine raubte mir Kraft, ohne dass ich es sofort gemerkt hätte. Bis ein Tag wie dieser kam und ich mit einem Schlag innerlich zusammenbrach.
Freunde und Fremde

In dieser Zeit brauchte ich Freunde. Meine Schwester Vera kam, putzte meine Fenster und half mir beim Bügeln. Guido und Petra halfen mir bei der längst fälligen Renovierung meiner Küche. Karl-Heinz und Elke luden uns zum Essen ein. Aber noch viel wichtiger war, dass sie alle zuhörten und sich mit Ratschlägen zurückhielten. Es ist schwer, gute Ratschläge zu akzeptieren, wenn sie von Leuten stammen, die nie selbst in einer vergleichbaren Situation waren.

Die Bekannte einer Bekannten, die unsere Situation nur vom Hörensagen kannte und selbst nie Kinder oder auch nur eine längere Beziehung gehabt hatte, machte diesen Fehler gleich bei unserer ersten Begegnung. Ich traf sie auf einer Veranstaltung und sie hielt sich nicht mit Smalltalk auf, sondern breitete innerhalb von zehn Minuten eine Sammlung aller guten Ratschläge aus, die sie vielleicht einmal in mehr oder minder schlauen Büchern gelesen hatte, oder die ihr spontan in den Sinn kamen. Sie schien ganz genau zu wissen, was sie an meiner Stelle tun würde, und zeigte sich pikiert, weil ich nicht jedem ihrer Gedanken Zustimmung schenkte. Ich fühlte mich, als ob mir eine Blindgeborene gerade erklären würde, in welchen Farben ich mein Bild malen soll.

Sie meinte es nicht böse, genau so wenig, wie der Bekannte, der mir unmittelbar nach meiner Trennung riet, bevor ich irgendwelche neuen Hobbies anfinge, solle ich doch erst mal sehen, wie ich mein Leben auf die Reihe bekäme. Er hatte natürlich recht, aber ein wirklich hilfreicher Rat war das nicht.

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