Der Tag X – Sie ist weg

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„Wir sind dann weg.“ – Vier Worte markieren das Ende einer 14jährigen Ehe. Dirk sitzt äußerlich unbewegt im Wohnzimmer, als seine Frau den letzten Karton zum Auto trägt, die Heckklappe des weißen Toyota Corolla schließt und mit ihrer neuen großen Liebe davon fährt. „Fahrt zur Hölle“, denkt er. Björn und Michèl, die 13jährigen Zwillinge, sitzen in ihrem Zimmer am PC. Der 11jährige Patrick tobt mit den Nachbarskindern in der Scheune des Bauern herum, dessen Hof nur hundert Meter entfernt liegt. Und die 9jährige Selina verbringt den Tag bei ihrer besten Freundin Silke. Mamas Abschiedsworte bleiben ungehört.

Es soll Fälle geben, in denen Männer nach Feierabend in ihre Wohnung kommen, und feststellen, dass sich die Frau mit der halben Einrichtung und dem gesamten Konto-Inhalt aus dem Staub gemacht hat.

Ganz so drastisch war es bei mir nicht, es hatte sich angekündigt. Sie hatte sich nach knapp 14 Jahren Ehe neu verliebt und ein neues Lebenskonzept für sich entworfen, in dem ich keinen Platz mehr hatte. Anfangs hatte sie sich damit begnügt, die Nächte auswärts zu verbringen, und tagsüber „heile Familie“ zu spielen.

Dann wurden auch die Tage immer weniger, die sie zu Hause verbrachte, und schließlich bat ich sie, auszuziehen. Sie war sofort einverstanden, und 24 Stunden später hatte sie eine Wohnung gefunden. Sie hatte wohl schon lange darauf gewartet, und sie hatte längst entschieden, die Kinder bei mir zu lassen. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich nur eine ungefähre Ahnung davon, was auf mich zukommen würde.

Und dann kam der 31. März, der Tag X, und am Abend war sie weg – für immer.

Die Kinder stellten keine Fragen. Sie wussten, woran sie waren. Mama war weg, Papa war da. Björn, damals 13, hatte sich schon Wochen vorher auf meinem Schoß ausgeweint. Die anderen wollten nicht über ihre Gefühle sprechen. Und ich auch nicht über meine.

Zu diesem Zeitpunkt war ich meinen Kindern der denkbar schlechteste Vater – mit einer Ausnahme: Ich war da.

Egal, wodurch ein Mann seine Partnerin verliert, er trauert. Bei mir war es die neue große Liebe meiner Frau, bei anderen mag es ein Unfall oder eine Krankheit sein. Aber Trauer und Schmerz sind in diesem Augenblick so übermächtig, dass sie den Blick für die wichtigen Dinge trüben. Ich war da, und ich war gleichzeitig nicht da.

Die Kinder spürten das.

Meine Tochter Selina, damals 9 Jahre alt, verbrachte von da an sehr viel mehr Zeit als zuvor bei ihren Freundinnen. Mein Sohn Björn, 13, legte lange Spaziergänge allein mit unseren beiden Hunden zurück. Michel, sein Zwillingsbruder, erwarb Ruhm und Ehre in Online-Spielen, und der 11jährige Patrick beschloss, Auto-Designer zu werden, und investierte sein Taschengeld in einschlägige Fachzeitschriften. Alle, kann ich rückblickend sagen, machten einen Sprung in ihrer geistigen Entwicklung, auch wenn ihre Schulnoten spürbar schlechter wurden.

Rest-Familien-Konferenz

Doch zurück zum Tag X. Bei allem Schmerz war mir klar, unser Leben musste weitergehen. Und mir war auch klar, dass ich die anstehenden Aufgaben allein kaum bewältigen konnte. Deshalb bat ich die Kinder am Abend ins Wohnzimmer. Wir legten gemeinsam für jeden bestimmte Aufgaben fest. Dazu gehörte das Sauberhalten und Aufräumen von Küche, Flur und Badezimmer, und das Ein- und Ausräumen von Wasch- und Spülmaschine. Später kam noch das Wecken und das Decken des Frühstückstisches hinzu

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