Der harte Weg zum Saubermann

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Drei Mal war Dirks Schwester Vera nun schon bei ihm, um die Fenster zu putzen. Aber Dirk ist entschlossen, sich heute entgültig von fremder Hilfe unabhängig zu machen. Und außerdem ist seine Schwester im Urlaub. Bewaffnet mit einem Tuch und einer Sprühflasche voller Glasreiniger nimmt er sich die Wohnzimmerfenster vor. Als am Nachmittag die Sonne hinter den Wolken hervor kommt, brechen sich ihre Strahlen in den Putzstreifen. Dabei steht auf dem Glasreiniger sogar „mit Streifenfrei-Formel“.

In vielen intakten Familien kochen Männer. Und die Frauen stehen anschließend vor der undankbaren Aufgabe, die Küche wieder in Ordnung zu bringen. Männer haben den Ruf, bei der Zubereitung eines belegten Brotes die Küche und angrenzende Räumlichkeiten in ein Schlachtfeld oder -haus zu verwandeln. Ich wurde diesem Ruf durchaus gerecht.

Während die Küche schnell sichtbar verschmutzt, dauert es bei den Fenstern länger und ist nicht unmittelbar von eigenem Zutun abhängig. Und auch Kacheln und Teppiche verschmutzen selbst in kaum genutzten Räumen im Laufe der Zeit. Die schlechte Nachricht: Das lässt sich zwar ebenfalls technisch erklären, aber um dagegen anzugehen, ist ständige – und zum großen Teil sogar manuelle – Arbeit erforderlich.

Nun hatten wir eine Vereinbarung, nach der jeder einen Monat lang dafür zuständig war, einen bestimmten Bereich in Ordnung zu halten. Nur leider lagen Welten zwischen dem, was meine Kinder und was ich als „in Ordnung“ betrachteten. Nun war ich durchaus in einer Position, meine Vorstellung von „in Ordnung“ durchzusetzen, aber Kinder trugen ohnehin schon mehr Verantwortung und hatten mehr Arbeiten zu erledigen als die meisten ihrer Altersgenossen. Also kümmerte ich mich persönlich um den kleinen Unterschied zwischen „in Ordnung“ und „in Ordnung“.

Aufräumen durch Wegräumen

Unmittelbar verknüpft mit dem Reinigen ist das Aufräumen. Sie können keinen Boden wischen, keinen Teppich reinigen, keine Arbeitsfläche schrubben und kein Fenster putzen, wenn eine Ansammlung von Gegenständen Ihnen und dem Putzwerkzeug den Zugang unmöglich macht.

Für mich war das ein steter Kampf. Bis wir uns einen neuen Fernseher anschafften. Es hätte allerdings genau so gut ein Terrarium, ein Zimmerbrunnen oder eine Mikrowelle sein können. Und bei Ihnen genügt vielleicht sogar der Gang auf den Speicher oder in den Keller.

Ausschlaggebend war nämlich der schöne große Karton, in dem der Fernseher geliefert wurde. Ich stellte den Apparat auf, schloss ihn an und Patrick wollte schon daran gehen, den Karton zu zerlegen, als es bei mir „Klick“ machte. Mich umblickend, nahm ich auf Fensterbänken, Beistelltischchen und in Wandregalen dutzende von Gegenständen wahr, die nur auf diesen Karton gewartet hatten: Nie genutzte Kerzenständer, Blumenvasen, Puppen, Kristallbonbonieren und die Übertöpfe längst verstorbener Zimmerpflanzen gehörten dazu, und sie alle wanderten zusammen mit weiteren „Gebrauchs“-Gegenständen in den Karton. Ich brauchte volle zwei Stunden dafür, und als ich fertig war, musste Patrick mir helfen, den Karton in den Keller zu tragen. Da steht er (der Karton, nicht Patrick) heute noch, und weder die Kinder noch ich haben je einen der darin gelagerten Gegenstände vermisst.

Was ich da getan hatte, wiederholte ich im Laufe der Zeit in allen anderen Räumen des Hauses. Auf Neudeutsch heißt das „Feng Shui“, wohl auch deshalb, weil „Feng Shui-Beratungen“ sich besser verkaufen lassen als „Tipps zur Entrümpelung“. Suchen Sie sich den Namen aus, der Ihnen besser gefällt.

Entrümpeln nutzte mir in zweierlei Hinsicht: Zum einen hatte ich danach deutlich weniger Arbeit mit dem Aufräumen.

Zum anderen hatten viele der entrümpelten Gegenstände bis dahin immer wieder Bilder wach gerufen, an die ich mich nicht gern erinnerte: Von der Hochzeit über gemeinsame Urlaube bis hin zu besonderen erotischen Momenten reichte die Palette dieser Erinnerungen, die wie alte, längst fertig gekaute Kaugummis überall zu kleben schienen.

Mit dem Entrümpeln schwanden die Bilder.

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