Mehr Rückgrat, bitte!

Es macht sich in letzter Zeit ein erschreckender Rückgratschwund unter Menschen breit, die sich im Mittelpunkt des öffentlichen Geschehens bewegen. Als Vater, der bemüht ist, seinen Nachwuchs zu aufrechten Menschen zu formen, mache ich mir so meine Gedanken über diesen Trend. „Aufrecht“ und „ohne Rückgrat“ sind zwei Attribute, die nicht zusammenpassen. Was ist das Wort eines Menschen wert, der seine Haltung allein danach richtet, woher gerade der Wind weht, und für dessen Schwierigkeiten jeder andere die Verantwortung trägt, nur nicht er selbst?

Zuerst wahrgenommen habe ich diesen Trend, als das Schulschiff Gorch Fock ins Gerede kam. Bevor er irgendwelche personellen Konsequenzen zöge, kündigte der damals zuständige Minister an, werde er den Bericht einer Untersuchungskommission abwarten. Nachdem er ein paar Stunden später einen Anruf von einer als Zeitung getarnten Schattenmacht erhalten hatte, suspendierte er dann doch den Kapitän.

Gut, Politiker taugen eh nicht als Vorbilder, Sportler sind da schon beliebter. Und was verkündete der Trainer des VFL Wolfsburg, Felix Magath, am letzten Bundesligaspieltag, als noch nicht sicher war, ob sein Team den Abstieg in die zweite Liga vermeiden können würde? „Ich bin nicht dafür verantwortlich, dass ich hier bin.“ Und damit meinte er nicht etwa, er sei nicht für diesen Tabellenplatz verantwortlich, sondern ergänzte „Ich war darauf eingestellt, ins Ausland zu gehen, meinetwegen Cambridge oder Venedig zu trainieren, aber nicht den VfL Wolfsburg.“

Im Klartext: Da unterschreibt jemand erst einen Vertrag, und weist anschließend die Verantwortung für die Verpflichtungen von sich, die sich aus seiner Unterschrift ergeben. Nun frage ich mich: Hat der Trainer, der ansonsten anerkannter Maßen viel geleistet hat, seinen Vertrag beim VFL Wolfsburg unter Androhung körperlicher Gewalt unterschrieben? Ist er gar unter Drogen gesetzt worden? Oder hypnotisiert?

Wer sagt „Ich bin nicht dafür verantwortlich…“, wenn er es ganz eindeutig ist, sendet denen, die ihn als Vorbild betrachten, eine miserable Botschaft. Nämlich die, dass man, wenn es mal schwierig wird, jedwede Verantwortung von sich weisen sollte. Aber wie weit kann diese Haltung einen Menschen bringen? „Ich bin nicht dafür verantwortlich, dass ich heute eine Mathematik-Klausur schreiben muss“, „Ich bin nicht dafür verantwortlich, dass ich um sechs Uhr aufstehen muss, um pünktlich zu meinem Ausbildungsbetrieb zu kommen“, „Ich bin nicht dafür verantwortlich, dass mein Uni-Professor so undeutlich nuschelt“… Was auch immer das Leben bringen mag, „ich bin nicht dafür verantwortlich“, nicht für das dicke Minus auf dem Konto, nicht für die Schwierigkeiten in der Beziehung, nicht für den tropfenden Wasserhahn.

Ich habe versucht, meinen Kindern zu vermitteln „Ihr seid nicht immer daran schuld, wenn etwas schief geht, aber ihr seid immer dafür verantwortlich, wie ihr damit umgeht.“ Wer sich selbst die Verantwortung abspricht, der gibt nämlich auch die Kontrolle ab, lässt sein Leben mit der Strömung treiben – und nur tote Fische schwimmen mit dem Strom.

Zu Magaths Ehrenrettung sei gesagt: Ich glaube nicht, dass das wirklich die Geisteshaltung dieses Profisportlers ist. Sonst wäre er nie einer von den Großen geworden. Er hatte bei diesem Interview vielleicht einfach nur einen schlechten Tag.

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