Kriminelle Energieverschwendung: Tipps für Stalker und solche, die es vielleicht werden wollen

„Ich bin doch kein Stalker!“ – war das Ihre Reaktion, als Sie die Überschrift gelesen haben? Wie kommen Sie darauf, dass Sie persönlich gemeint sein könnten? Ist es, weil böswillige Zeitgenossen einiges in Ihrem Verhalten so interpretieren könnten? Obwohl Sie für alles, was Sie tun, gute Gründe haben, und es ihr – angebliches- Opfer jederzeit in der Hand hätte, die Situation zu ändern? Legen Sie für einen Moment das Fernglas beiseite, futtern Sie ein paar von den Pralinen selbst, die Sie Ihr eigentlich vor die Tür hätten legen wollen, und  legen Sie das Büttenpapier, auf das Sie gerade den elften Liebesbrief schreiben wollten, zurück in die Schublade. Reden wir erst einmal drüber.

Gründe, sich Sorgen zu machen

Nein, natürlich sind Sie kein Stalker. Sie sind ein Liebender. Miteinander reden, das ist für Sie wichtig. Sie wollen sie beschützen – vor ihrem schlechten Urteilsvermögen, vor dem Mistkerl, mit dem sie jetzt zusammen ist, vor den vielen Verbrechern, die da draußen rumlaufen. Vielleicht suchen Sie auch bloß ein klärendes Gespräch – ein einziges – und sie verweigert Ihnen das. Also suchen Sie Gelegenheiten, dieses Gespräch doch noch zustande zu bringen, ganz ungezwungen, bei einer „zufälligen“ Begegnung. Dort, wo sie arbeitet zum Beispiel. Wo sie einkauft, oder spazieren geht. Oder da wo sie wohnt.

Gut, dann hätten wir das also geklärt: Sie wollen Kommunikation herbeiführen. Das hat nichts mit Stalking zu tun. Vorerst. Sie entzieht sich dieser Kommunikation. Das ist bitter: Die von Ihnen so heiß ersehnte Klärung ist so nicht möglich, und schon der erste Schritt zu einer Beziehung (oder zu deren Erneuerung) wird Ihnen verweigert. Aber so sind Frauen nun einmal, sie wollen umworben werden, erobert. Also ziehen Sie in die Schlacht!

Stopp!!!

Sie mögen kein Stalker sein, aber wenn einige der oben genannten Fakten auf Sie zutreffen, oder auch nur Ihr Denken widerspiegeln, sind Sie auf dem besten Weg dorthin. Wenn Sie diesen Weg fortsetzen, werden Sie nichts von dem bekommen, was Sie sich erhoffen – weder ein klärendes Gespräch noch eine neue Beziehung.  Stattdessen werden Sie – mindestens – zwei Menschenleben ruinieren, und eines davon wird ganz sicher Ihr eigenes sein.

Ich bin doch nur freundlich!

Pralinen, Blumen und Komplimente – das hat doch nichts mit Stalking zu tun. Mal lassen Sie einen Strauß Rosen vor ihrer Türe liegen, mal ein paar „Edle Tropfen in Nuss“, und jede Stunde schicken Sie Ihr eine SMS, in der Sie Bewunderung für ihre Augen, ihren Gang oder ihre Dessous zum Ausdruck bringen. Da muss einer Frau doch das Herz aufgehen. Dass sie sich beharrlich weigert, auf Ihre Kontaktaufnahmen zu reagieren, muss folglich andere Gründe haben: Jemand setzt Ihre Angebetete unter Druck. Also verdoppeln Sie Ihre Bemühungen…

Mal ehrlich: Angenommen, ein Zeitschriftenwerber habe vor Ihrer Tür gestanden und Ihnen ein Abonnement verkaufen wollen, Sie hätten aber dankend abgelehnt. Nun würde der selbe Zeitschriftenwerber mehrmals täglich, morgens, mittags, abends vor Ihrer Türe stehen, Leseproben hinterlassen, telefonisch Kontakt aufnehmen… Würden Sie jetzt ein Abonnement abschließen? Sie würden die Polizei rufen.

Und genau das wird die Frau, um deren Liebe Sie werben, ebenfalls tun. Denn mit jeder fruchtlosen Kontaktaufnahme wird ihre Verachtung für Sie wachsen. Meine übrigens auch: Was sind Sie überhaupt für ein Mann?! Haben Sie kein Rückgrat? Kein Selbstwertgefühl? Keinen Stolz? Haben Sie es wirklich nötig, einer Frau hinterher zu laufen, die überhaupt kein Interesse an Ihnen hat? Ach, Sie lieben sie? Schöne Art, das zu zeigen, und so einfühlsam: Sie hat ein Sicherheitsschloss einbauen lassen, zieht abends den Telefonstecker heraus, schrickt zusammen, wenn ihr Handy eine neue Nachricht signalisiert. Sie hat pure Angst vor Ihnen. Ja, so muss wahre Liebe aussehen.

Sie wollen, dass die Frau Ihrer Träume (die ja, zugestanden, durchaus Ihre Ex sein kann) positive Gefühle für Sie entwickelt? Fast hätten Sie es versaut, aber es gibt jetzt noch eine Chance: Verschwinden Sie aus ihrem Leben. Ganz. Schreiben Sie ihr nicht mehr, rufen Sie sie nicht mehr an, verschonen Sie sie mit Geschenken. Und halten Sie sich auch räumlich von ihr fern. Keine „zufälligen Begegnungen“ mehr! Zufällige Begegnungen sind eine faule Ausrede: Sie haben sie studiert, wissen, wo sie wohnt, wo sie arbeitet, wo sie einkauft, wo sie entspannt. Sie haben dieses Wissen missbraucht, um ihr nachzustellen, nun nutzen Sie es, um ihr aus dem Weg zu gehen. Sie können sicher sein, ihre Gefühle für Sie werden sich zum Positiven verändern, auch wenn das Jahre dauern mag. Sie wird denken „Er ist doch noch vernünftig geworden“. Wenn Sie das erreicht haben – belassen Sie es dabei.

Aber ich muss doch noch etwas klären!

Das mag sein. Es gibt kaum etwas unbefriedigenderes als offene Fragen und offene Rechnungen. Klärungsbedarf gibt es auf zwei Ebenen: Auf der immateriellen, meist emotionalen, und auf der materiellen, meist monetären, Ebene. In beiden Fällen ist es ratsam, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen: Wenn Ihnen die andere Person Geld schuldet, oder Sie nach dem Ende einer Beziehung noch Eigentum in der einst gemeinsam genutzten Wohnung haben, und beharrlich auf Rückgabe respektive Begleichung der Geldschulden drängen, kommt es vor, dass Ihnen Ihre Beharrlichkeit zu Unrecht als Stalking ausgelegt wird. In einem solchen Fall verzichten Sie auf persönliche Kontaktaufnahme, listen Sie Ihr zurückbehaltenes Eigentum/Ihre Geldforderungen feinsäuberlich auf, und überlassen Sie die Einforderung einem Anwalt.

„Was hat er, was ich nicht habe?“, „Wie konnten deine Gefühle für mich verloren gehen?“, „Was muss ich tun, um dich (zurück) zu gewinnen?“, – das sind offene Fragen auf der immateriellen, emotionalen Ebene.  Aber keine Fragen, die sich in einem Gespräch klären ließen: Sie wollen doch überhaupt nicht wissen, dass er viel zärtlicher ist oder fünf Zentimeter mehr zu bieten hat, Sie wollen auch nicht hören, dass Ihre permanente Bierfahne und Ihr ständiges Geflirte mit anderen Frauen den Gefühlstod zu verantworten haben. Und dass es keine Chance für eine Beziehung gibt, wollen Sie am allerwenigsten akzeptieren. In Wahrheit kennen Sie die Antworten, die Sie hören möchten, ja schon längst, und Sie haben sich vorgenommen, keine Ruhe zu geben, bis Sie genau diese Antworten erhalten haben. Wenn Sie die Kraft haben, sich das einzugestehen, und die noch größere Kraft aufbringen, ihrem Leben eine neue Richtung – ohne diese Person – zu geben, kommen Sie da allein raus. Wenn nicht, nehmen Sie dringend die Hilfe eines Therapeuten in Anspruch. Vorzugsweise, bevor ein Richter Sie zur Gefahr erklärt und hinter Gitter schickt.

Wenn Sie bis hierhin gelesen haben, werden Sie vielleicht auch noch Zeit finden, über die folgende kleine Geschichte nachzudenken: Vor einigen Jahren bekamen wir eine ganz junge Katze, Kleopatra. Sie avancierte innerhalb kürzester Zeit zum Mittelpunkt der Familie, tollte mit den Hunden herum, ging herrlich tapsig auf die Neckereien der Kinder ein, kletterte an der Haarpracht meiner Ex auf deren Schultern, jagte ihren eigenen Schatten und machte ihre Nickerchen im Wäschekorb. Doch nach nur ein paar Wochen stieß sie ganz unvermittelt ein lautes, klägliches Miau aus, wankte in ihr Katzenklo und sank dort zusammen. Keine zehn Minuten später waren wir mit ihr beim Tierarzt, doch der konnte nur noch ihren Tod feststellen. Ich konnte es nicht fassen: Sie würde nie mehr schnurren, sich nie mehr auf der Fensterbank sonnen, sich nie wieder an mein Bein schmiegen. Wir alle, auch ich, haben damals unter Tränen von Kleopatra Abschied genommen. Und das war richtig. Was würden Sie von mir halten, wenn ich die tote Katze stattdessen auf die Couch gelegt hätte, um weiter mit ihr zu spielen, sie zu streicheln und ihr Futter anzubieten? Das ist weniger weit weg von dem Verhalten eines Stalkers, als es den Anschein haben mag, nur dass ein Stalker keine tote Katze streichelt, sondern eine tote Beziehung. Während ein Kadaver verwest, verpestet er die Luft und gefährdet die Gesundheit aller, die mit ihm in Berührung kommen. So wie ein Stalker eine Gefahr für Leben und Gesundheit darstellt, wenn er an seiner toten Beziehung festhält.

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