Panta rhei

Was good old Heraklit mit „Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen“ zum Ausdruck gebracht, und Grönemeyer mit „Bleibt alles anders“ in einen faszinierend-verwirrenden Songtext gepackt hat, beschreibt eine Selbstverständlichkeit, die nur all zu gern ignoriert wird: Den steten Wandel. „…alles, was entsteht, ist wert, dass es zugrunde geht“, bringt Goethes Mephistopheles den selben Gedanken auf den Punkt, verstellt in diesem Satz aber den Blick auf die andere Hälfte der Wahrheit: In jedem „Vergehen“ steckt bereits der Keim eines neuen „Werdens“. Dass es ausgerechnet Mephistopheles ist, der Teufel also, zu dessen Prinzip Goethe den steten Wandel erhebt, ist kein Zufall: Veränderung macht Angst, wird als Bedrohung und damit gemeinhin als böse empfunden.

Zugegeben, viele Veränderungen bringen große Schmerzen mit sich: Den Arbeitsplatz zu verlieren, vom Ehepartner verlassen zu werden, einen geliebten Menschen sterben zu sehen, durch eine Katastrophe Heim und Besitz einzubüßen, ist für die meisten Menschen schon in der Vorstellung kaum zu ertragen. Und dennoch erleben – und überleben – jeden Tag Millionen von Menschen solche Veränderungen. Andere stemmen sich mit aller Macht gegen solche Veränderungen: Sie werden im Job gemobbt, ihnen wird jede Anerkennung ihrer Leistung versagt, das Damokles-Schwert der Kündigung schwebt ständig über ihnen, aber ein Wechsel des Arbeitsplatzes käme ihnen nicht in den Sinn. Ihr Ehepartner belügt, betrügt oder misshandelt sie gar, bringt vielleicht sogar die gemeinsamen Kinder in Gefahr, aber diese Ehe zu beenden, scheint keine Option zu sein. Die Angst vor dem, was werden könnte, ist größer als der Schmerz, den das, was ist, verursacht.

Doch der Kampf gegen die Veränderung ist letztlich nicht zu gewinnen. Die Erde wird sich drehen, ob es Ihnen passt oder nicht. Katastrophen, Krankheiten, Wirtschaftsflauten, Verbrechen – gegen nichts von alledem könnten Sie sich und Ihre Lieben dauerhaft wappnen. Sie können sich die Karten nicht aussuchen, die Ihnen das Leben zuteilt. Aber Sie allein haben es in der Hand, wie Sie sie ausspielen. Und manchmal dürfen Sie auch eine neue Karte ziehen. Bloß eines wird nicht funktionieren: Eine hektische Suche im Kartenstapel, in dem verzweifelten Bemühen, Ihre alten Karten zurück zu bekommen.  Die sind längst aus dem Spiel. Vorbei ist vorbei.

Warum diese Betrachtungen? Nun, die letzten Jahre haben viele, auch schmerzhafte, Veränderungen mit sich gebracht. 2003 wurde ich zum Alleinerzieher, 2008 musste ich meiner Mutter bei einem langsamen, qualvollen Tod zusehen, 2010 fand ich meinen Vater tot in seiner Wohnung. Zwischendurch wurden und vergingen Freundschaften und Beziehungen, neue Auftraggeber kamen und alte gingen, mein Zweitältester ist inzwischen verheiratet. Einiges davon hätte ich gern verhindert (nein, Janina, dich natürlich nicht, Lieblings-Schwiegertochter), aber manches davon hat uns auch die Möglichkeit geschaffen, selbst Veränderungen herbei zu führen: So sind wir Ende 2010, wie kürzlich erwähnt, von Wülfrath nach Wuppertal gezogen – das hätte ich weder meinen Eltern noch meinen Hunden zu Lebzeiten antun können, empfinde die neue Umgebung und die warme, helle und nicht zuletzt energiesparend isolierte Wohnung aber als wirkliche Verbesserung gegenüber dem deutlich größeren, aber mit Mühe zu heizenden, Haus, in dem wir bis November gewohnt haben.

Erfahren habe ich dabei: Am wenigsten schmerzhaft sind die selbst herbeigeführten Veränderungen. Ihnen haftet nicht das Gefühl des machtlosen Ausgeliefertseins an. Und: Nicht jede Veränderung ist eine Katastrophe. Auch wenn ein Umzug die Kräfte aller Beteiligten bis zum Äußersten fordert.

Nun steht ein neues Jahr vor der Tür, und auch das wird Veränderungen bringen. Aber komme, was da wolle, lassen Sie uns das beste daraus machen!

Kommentare

Schreibe einen Kommentar