Der innere Winter: Das Trennungs-Trauma überwinden

Ein kleines Zimmer, Gitter an den Fenstern, die Tür ist meist verschlossen, nur eine halbe Stunde täglich darf ich an der frischen Luft verbringen – so könnte mein Leben heute, und noch für mindestens acht weitere Jahre aussehen, wäre ich Ende 2002 meinen Impulsen gefolgt.

Eifersucht steigert die Wut eines Ehemannes bis zum Äußersten; und wenn die Gelegenheit sich bietet, wird er sich rächen ohne jedes Mitleid. – Sprüche 6, 34 in der „Guten Nachricht“

Wut bis zum Äußersten, das beschreibt treffend die Gefühlslage eines hintergangenen Mannes, wenn er davon erfährt. Zu oft mit tragischen Folgen. Blättern Sie durch die Tageszeitung, oder durchsuchen Sie das Online-Magazin Ihres Vertrauens, oder noch besser, die Google-News-Suche nach dem Stichwort „Beziehungsdrama“, und Sie werden feststellen, dass es immer wieder Männer – gelegentlich auch Frauen – gibt, die ihren archaischen Impulsen nachgeben. Ohne jedes Mitleid.

Zum Glück halten Verstand, Gesetze oder auch die Furcht vor möglichen Konsequenzen die meisten davon ab, ihren Impulsen zu folgen. Es sei denn, der Betroffene gelangt zu der tiefen Überzeugung, sein Leben sei vorbei. Dann spielen Gesetze und Konsequenzen keine Rolle mehr, und der Verstand wird zum Komplizen. So ging es mir, und vielleicht geht es  manchem, der diese Zeilen liest, im Moment gerade ähnlich.

Deshalb will ich an dieser Stelle eine Binsenweisheit wiederholen, an die ich damals selbst nicht geglaubt hätte, deren Wahrheitsgehalt ich aber erfahren durfte: Das Leben ist nicht zu Ende. Stolz, Glück, Freude, von der stillen Zufriedenheit bis zum lauten Jubel, Liebe und Leidenschaft, Begeisterung und Lachen – es ist alles noch da, denn es steckt in Ihnen. Kein Mensch kann Ihnen das nehmen, keine Exfrau, kein Nebenbuhler, kein Familienrichter. Alles, wofür es sich zu leben lohnt, ist immer noch da. Es fühlt sich bloß nicht so an.

Die Phase, in der Wut und Hass die Gefühlswelt bestimmen, hielt bei mir zum Glück nicht lange an. Doch bis zu einer Gefühlslage, die sich als „allgemeines Wohlbefinden“ beschreiben ließe, war es noch ein weiter Weg.

Eine starke Motivation, nicht im Tränenmeer zu ertrinken, stellten in dieser Zeit meine Kinder dar: Morgens aufzustehen, um sie materiell versorgen zu können, mittags ein warmes Essen auf den Tisch zu bringen, mir ihre Sorgen, Probleme und ihren Kummer anzuhören, half mir, einzusehen, dass ich nicht der einzige war, dem es schlecht ging, und mir meiner Verantwortung bewusst zu werden. „Übernehmen Sie die Verantwortung“, empfehlen Motivationstrainer unisono als Reaktion auf ein negatives Erlebnis. Mir gefiel der Gedanke nicht (was das Ende meiner Beziehung betrifft, plädierte ich nachdrücklich „nicht schuldig“), bis ich den ergänzenden Gedanken hörte „Du magst nicht dafür verantwortlich sein, was dir widerfährt, aber du trägst die volle Verantwortung dafür, wie du darauf reagierst.“

Man stelle sich einen Kapitän vor, der urplötzlich mit seinem Schiff in einen schweren Sturm gerät, obwohl im Wetterbericht kurz zuvor von einer sanften Brise die Rede gewesen ist.Würde sich ein guter Kapitän in seinen Schmollwinkel zurückziehen, und das Schiff samt Mannschaft sich selbst überlassen? Und wäre der Steuermann über Bord gegangen, würde ein guter Kapitän das Ruder einfach laufen lassen, statt sich selbst ans Rad zu stellen, bis die unmittelbarste Gefahr vorbei ist? Die Antworten liegen auf der Hand.

Mich selbst in einer solchen Situation zu sehen, motivierte mich ungemein, und half mir, die Phasen von Hass, Trauer, Selbstmitleid und einem Gefühl tiefer Sinnlosigkeit nach einiger Zeit hinter mir zu lassen. Deutlich länger hielt mein Empfinden, die Waage der Gerechtigkeit sei noch nicht wieder ausgeglichen. Als ich einmal einen alten Bekannten traf, den ich lange nicht gesehen hatte, und der von unserer Trennung nichts wusste, antwortete ich ihm auf die Frage, wie es meiner Frau gehe: „Wenn das Leben gerecht ist, dann hat sie gerade die Beulenpest.“

Aber auch dieses Empfinden legte sich schließlich – freilich erst nach Jahren – als ich mir die Zeit nahm, die Ereignisse seit der Trennung zu rekapitulieren: Ich durfte meine Kinder ins Erwachsenenalter begleiten, an ihren Erfolgen und Misserfolgen teilhaben, ihre ersten Freundinnen und Freunde kennenlernen, sie trösten und mit ihnen feiern, mit ihnen in den Urlaub fahren und gegen sie all die Teenager-Diskussionen ausfechten, die nun einmal zum Erwachsenwerden dazu gehören. Nicht für eine Million würde ich das tauschen wollen. Auf all das hat meine Ex verzichtet – wenn die Waage der Gerechtigkeit immer noch schief hängen sollte, dann gewiss nicht zu meinen Ungunsten.

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