Bis 10 zählen… – schlechte Laune im Griff

„Verhaltet euch ruhig, und niemand wird verletzt…“ – mit welcher Situation würden Sie diesen Satz spontan assoziieren? Hoffentlich eher mit einer Geiselnahme als mit Ihrem Familienalltag. Es ist ein altes, männliches, Vorurteil, nur Frauen hätten ihre Launen. Die Männer, die ich kenne, unterscheiden sich in dieser Hinsicht von Frauen nur in einem Punkt: Sie suchen die Ursache für ihre Launen außerhalb von sich selbst. Wenn einem Mann der Kragen platzt, gibt er die Schuld dafür in der Regel nicht seiner schlechten Laune oder seinem Mangel an Selbstbeherrschung, sondern am ehesten denen, die seinen Wutausbruch erdulden müssen.

Kinder von alleinerziehenden Vätern haben es da nicht immer leicht. Wenn der Vater schimpft, können sie nicht auf den ausgleichenden Einfluss der Mutter hoffen. Das eine oder andere etwas lauter gesprochene Wort lässt sich im Alltag nicht vermeiden. Schließlich muss ein Vater sein Kind mit Nachdruck darauf hinweisen, wenn dessen Verhalten Schaden verursacht. Aber wenn im Alltagsleben die unfreundlichen Worte überwiegen, dann verursacht das Verhalten des Vaters den größeren Schaden. Ein weiteres Problem ist die Verhältnismäßigkeit: Geht der Vater wegen einer einzelnen Vier in Mathematik bereits an die Decke, sieht sich Junior bei einer Nicht-Versetzung in ernster Lebensgefahr. Betrachten Ihre Kinder ihr Zuhause als wärmendes Nest, oder als Höhle des Löwen? Das hängt von Ihnen ab.

„Meine Eltern haben mich unheimlich streng erzogen“, erzählte mir ein Bekannter vor vielen Jahren, „und das hat mir überhaupt nicht geschadet!“ Jener Bekannte neigte, privat und im Beruf, zu cholerischen Wutausbrüchen, hatte ein schwerwiegendes Alkoholproblem und starb lange vor Erreichen des Rentenalters an einer Krankheit, deren Entstehen und Verlauf er durch seinen Lebenswandel begünstigt hatte. Hatte ihm seine strenge Erziehung wirklich nicht geschadet?

Wenn ältere Leute von „strenger Erziehung“ reden, verstecken sie dahinter nicht selten etwas, das mit „Erziehung“ nicht das geringste zu tun hat: Schläge, Demütigungen, Beschimpfungen. Das sind nicht die Ausprägungen eines durchdachten Erziehungskonzepts. Es sei denn, das Erziehungsziel hätte darin bestanden, gewalttätige, unbeherrschte Menschen mit vermindertem Selbstwertgefühl heran zu ziehen.

Aber auch ein Vater mit den besten Absichten ist nicht davor gefeit, dass ihm der Kragen platzt, dass er seine Lautstärke fehljustiert, und dass er Worte äußert, die ihm später leid tun. Leider neigen die meisten von uns, mich eingeschlossen, dazu, selbst Dinge, die uns eigentlich leid tun, zu rechtfertigen, statt uns zu entschuldigen. Oder, die Entschuldigung mit einem Vorwurf zu kombinieren: „Es tut mir leid, dass ich laut geworden bin, aber daran bist Du schuld.“ So eine Entschuldigung können wir uns auch gleich ganz sparen. Wie wäre es mit: „Es tut mir leid, ich habe falsch reagiert. Bitte entschuldige, dass ich dich verletzt habe.“ Und wenn ein ernstes Problem (gefährdete Versetzung, Ladendiebstahl, Drogenexperimente oder Komasaufen zum Beispiel) die Ursache für den Wutausbruch gewesen ist, dann muss dieses Thema zwar unbedingt angesprochen werden, aber am besten zu einem Zeitpunkt, zu dem sich die Gemüter wieder halbwegs beruhigt haben.

In Wahrheit sind es aber selten die großen, ernsten Probleme, die einen Vater aus der Haut fahren lassen: Teenager sind Weltmeister im Provozieren. Da eine Stichelei (mein persönlicher Lieblingsspruch „Warum kochst du eigentlich nie Sachen, die schmecken?“), dort der in voller Lautstärke aus dem Jugendzimmer dröhnende Techno-Beat, und hier, ab 18, der leere Tank, nachdem Junior sich am Wochenende Papas Wagen ausgeliehen hat, und wenn dann noch Zahnschmerzen, Bauchschmerzen, Stress mit Arbeit- oder Auftraggebern, Krach mit Kollegen oder der Ex dazu kommen, dann entsteht ein explosives Gemisch, das dazu neigt, sich wesentlich heftiger zu entladen, als es dem Anlass angemessen wäre.

Die meisten Menschen spüren allerdings bereits deutlich vor der Explosion, dass sie im Augenblick deutlich anfälliger für Provokationen sind als zu anderen Zeiten. Oder, einfacher ausgedrückt, sie haben schlechte Laune. Ob mit oder ohne äußere Ursache, das spielt eigentlich keine Rolle. Bereits in dem Moment, in dem wir uns dieser schlechten Laune bewusst werden, haben wir aber die Chance, ihr entgegen zu wirken. Hier ein paar Tipps, die mir persönlich helfen, schlechte Laune einzudämmen, bevor sie sich entlädt:

Wer eine Strategie entwickelt hat, mit der eigenen schlechten Laune umzugehen, bleibt auch unter Stress und angesichts von Provokationen eher gelassen. Und dabei gewinnen alle. „Verhaltet euch ruhig, und niemand wird verletzt…“ – ein Geiselnehmer sagt so etwas schon einmal (zumindest im Krimi), aber ein Papa sollte das nicht nötig haben.

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