Ignorierte Signale: Wenn der Körper Alarm schlägt

„Kopfschmerzen? Das ist bestimmt ein Hirntumor!“ Wer dazu neigt, solche Schlüsse zu ziehen, angesichts eines eingeschlafenen Fußes an Amputation denkt und „Sommersprossen“ für einen beschönigenden Ausdruck für „Hautkrebs“ hält, braucht hier nicht mehr weiter lesen. Viele Männer neigen allerdings zu einem ganz anderen Umgang mit ihrer Gesundheit: „Was micht nicht umbringt, macht mich härter“, denken sie selbst angesichts einer beim Holzhacken halb abgetrennten linken Hand, und wegen ein paar Bauchschmerzen zum Arzt zu gehen, käme ihnen nie in den Sinn.

Ein paar Bauchschmerzen – die hatte ich im Sommer diesen Jahres. Es war ein Sonntag, als sie begannen, und es war Dienstag, als ich mich entschied, meinen Arzt deshalb zu konsultieren. Es war immer noch Dienstag, als ich auf dem OP-Tisch lag und ein Chirurg mir meine akut entzündete und bereits dünnwandig gewordene Gallenblase entfernte. „Hätten Sie sich noch ein paar Tage Zeit gelassen, hätten Sie gar nicht mehr kommen brauchen“, musste ich mir später anhören.

In der Tat ist die Gallenblase ein tückisches Organ: Ist sie entzündet, verursacht sie Bauchschmerzen und Verstopfung, was sich leicht mit einem verdorbenen Magen verwechseln lässt. Wartet man lange genug, platzt die Gallenblase – und der Erkrankte fühlt sich spontan besser, weil der unangenehme Innendruck endlich abgebaut ist. Dabei hat die eigentliche Katastrophe gerade begonnen: Die Gallenflüssigkeit hat sich in den Bauchraum ergossen und verursacht dort innerhalb der nächsten Stunden eine Bauchfellentzündung. Statistisch haben Sie eine Chance von etwa einem Drittel, die Bauchfellentzündung zu überleben, wenn Sie rechtzeitig medizinische Hilfe erhalten. Aber selbst wenn: Eine solche Entzündung kann sämtliche Organe schädigen, und die Lebensqualität ist sicher nicht mehr die selbe, wenn Sie künftig alle paar Tage zur Dialyse müssen. Und alles wegen ein paar Bauchschmerzen.

Dabei sollte klar sein: Schmerzen sind nicht der Feind, im Gegenteil. Ohne Schmerzen wüssten Sie nicht, dass etwas nicht in Ordnung ist.

Schmerzen zu ignorieren, ist genau so clever, wie eine rote Ampel zu ignorieren oder bei Feueralarm nicht das Gebäude zu verlassen. Gerade ein Alleinerzieher neigt aber dazu, seine Unabkömmlichkeit zu hoch einzuschätzen, und Schmerzen eher mit ein paar Tabletten zum Schweigen zu bringen, als sich einem Arzt anzuvertrauen. Und so wird ein Herzinfarkt als „Schwächeanfall“ abgetan, die vom Darmkrebs ausgelösten Verdauungsbeschwerden mit Joghurt bekämpft, oder eben eine akute Gallenblasenentzündung ausgesessen, bis sich der Druck von allein löst – mit den beschriebenen Folgen. In den meisten Fällen ist es nicht nötig, alle paar Wochen zum Arzt zu laufen, um ihm seine Wehwehchen zu klagen – aber spätestens wenn sich ein Schmerz oder ein anderes Symptom bemerkbar macht, von dem Sie sagen: „Das ist neu“, konsultieren Sie Ihren Medizinmann. Und zwar möglichst bald.

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