Lehrjahre: Der Kampf um den Ausbildungsplatz

„Keine Chance!“ Zu diesem Schluss war ein Freund eines meiner Söhne gekommen, nachdem er sich, wie er sagte, um einen Ausbildungsplatz bemüht hatte. Und er hatte auch wortreich erklären können, warum: Die Betriebe stellen zu hohe Anforderungen, es gibt einfach zu wenig Ausbildungsplätze, meine Noten sind denen einfach nicht gut genug und so weiter und so fort. Unter vier Augen erfuhr ich später von meinem Sohn noch ein Detail: Sein Kumpel hatte exakt eine Bewerbung geschrieben – und darauf eine Absage erhalten. Keine Chance.

Das war lange vor der Wirtschaftskrise. Inzwischen konnte ich drei meiner Kinder bei der erfolgreichen Jagd auf einen Ausbildungsplatz begleiten. Zwei davon allerdings eher aus der Ferne, die wollten sich weder ins Bewerbungsschreiben noch in ihr Auftreten bei Tests und Vorstellungsgesprächen hineinreden lassen. Der Erfolg gab ihnen recht.

Der erste, der eine Ausbildung antrat, hatte allerdings ganz andere Voraussetzungen: Gegen Ende der Klasse 10 am Gymnasium wurde ihm klar, dass er keine Lust mehr auf die Schule hatte. Sein Zeugnis war keines, für das ihn Oma, Opa, Tante und Onkel gefeiert hätten (um es positiv auszudrücken). Bis zum Juli 2008 hatte er vier oder fünf Bewerbungen abgeschickt, ohne sich allerdings wirklich im klaren darüber zu sein, wie er sich seine berufliche Zukunft vorstellte. Der August kam, und er hatte keinen Ausbildungsplatz.

Manchmal braucht ein Sohn Papas Hand, auch wenn er sich dazu eigentlich viel zu erwachsen fühlt. Und manchmal braucht er auch einen (symbolischen) Tritt in den Allerwertesten. Beides bekam Junior von mir: Ich drückte ihm einen Block und einen Kugelschreiber in die Hand, und suchte gemeinsam mit ihm in verschiedenen Internet-Datenbanken nach noch unbesetzten Ausbildungsplätzen. Bei dieser Jagd zielten wir mit der Schrotflinte auf die Beute: Vom Industriemechaniker über den Chemielaboranten bis zum Immobilienkaufmann nahmen wir so ziemlich jede Ausbildung ins Visier, die vielleicht noch zu ergattern gewesen wäre, und für die er wenigstens minimale Begeisterung aufbringen konnte. Er notierte sich die wichtigsten Daten zu jedem Ausbildungsplatz – und dann drückte ich ihm mein Telefon in die Hand, und forderte ihn auf, bei jedem gefundenen Betrieb anzurufen und sich zu erkundigen, ob eine Bewerbung noch Sinn machen würde. Allen, die nicht „nein“ sagten, schickte er ein oder zwei Tage später seine Bewerbungsmappe – und bekam etliche Absagen.

Aber wenigstens aus einem kleinen Unternehmen erhielt er eine Einladung zum Vorstellungsgespräch. „Wenn ich nach den Noten gehe, müsste ich Ihnen eine Absage schicken“, soll sein Gesprächspartner gesagt haben, „aber Ihr Auftreten, und dass Sie bis jetzt nicht aufgegeben haben, hat mich überzeugt.“ Seit September 2008 lässt er sich dort ausbilden, den Vertrag hat er erst eine Woche vor Ausbildungsbeginn unterschrieben.

Dass er, trotz mittelmäßiger Noten und spätem Start, mitten in der Wirtschaftskrise einen Ausbildungsplatz ergattern konnte, hat er vielleicht göttlicher Fügung zu verdanken. Aber mit Sicherheit haben auch die folgenden drei Aspekte dazu beigetragen:

Den zweiten und dritten Punkt haben übrigens auch die beiden anderen erfolgreichen Bewerber beachtet. Mit dem Bewerben haben die anderen beiden allerdings bereits ein Jahr vor Ausbildungantritt begonnen, und konnten sich deshalb etwas enger auf einen Ausbildungsberuf – zumindest auf eine Sparte – festlegen.

Keine Chance? Ich will nicht behaupten, dass es leicht ist, einen Ausbildungsplatz zu ergattern, oder dass es immer so gut ausgehen muss. Aber wirklich keine Chance hat nur, wer fest daran glaubt, dass er keine Chance hat.

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