Die Mär vom schnellen Geld

„Ich möchte eigentlich nicht mehr arbeiten“, sprach mich ein Bekannter vor einiger Zeit an, „ich möchte mit dem Computer Geld verdienen, wie Du.“ Und dann fragte er mich, wie das eigentlich genau geht. Meine Antwort, ich wisse selbst nicht, wie man ohne Arbeit Geld verdient, stellte ihn allerdings nicht zufrieden. Weil viele alleinerziehende Väter unter Geldnot leiden, und deshalb nicht selten auf der Suche nach zusätzlichen Verdienstmöglichkeiten sind, wiederhole ich hier, was ich ihm sonst noch erzählt habe.

Zunächst einmal, dass ich acht bis zehn Stunden am Tag arbeite. Ich, nicht mein Computer. Ich bin Journalist, meine Themen stammen vorwiegend aus dem Themenkreis ‚Computer und Internet‘, und, ich geb’s zu, es gibt Tage, da möchte ich auch nicht mehr arbeiten. Aber ich tu’s.

Dann sprach ich mit ihm über die ‚Geheimnisse‘, auf die er unweigerlich stoßen würde, wenn er ‚mit dem Computer Geld verdienen‘ in eine Suchmaschine tippte. Ich weiß nicht, ob er mir geglaubt hat, oder doch eher auf die Heilsversprechen der Online-Reichmacher vertraut. Aber ich bin ganz sicher, dass er eine Enttäuschung erleben wird, wenn er erwartet, eine nennenswerte Summe zu verdienen, ohne ernsthaft dafür zu arbeiten.

An dieser Stelle muss ich kurz einschieben: Ja, es gibt sie, die Internetmillionäre und sogar -milliardäre, zum Beispiel Facebook-Gründer Mark Zuckerberg, Ebay-Erfinder Pierre Omidyar, die beiden Google-Gründer Sergey Brin und Larry Page und etliche weitere mehr. Aber: Keiner von denen hatte gleich am Anfang vor, „nicht mehr zu arbeiten“ und wollte seinem Computer das Geld verdienen überlassen.

Um Geschäftsmodelle wie Ebay, Google oder Facebook geht es in den Versprechen aber auch eher selten: Geld, so heißt es, gibt es für das Lesen von E-Mails, für den freiwilligen Empfang von SMS, für die Teilnahme an Umfragen, sogar für das Surfen an sich. Etwas Geld verdienen lässt sich damit tatsächlich. Um die gleiche Summe zu verdienen, die Sie sich mit diesen Methoden in nur einem Monat im Internet zusammenklicken, müssten Sie sonst eine ganze Stunde mit einer alten Wandergitarre in der Fußgängerzone einer Großstadt sitzen und traurige Lieder singen. Es sei denn, Sie haben eine einigermaßen angenehme Stimme und können leidlich Gitarre spielen – dann brauchen Sie nur eine halbe Stunde, um einen solchen Internet-Monatsverdienst zu toppen. Wenn Ihr „Nebenjob“ Ihnen also dennoch Zeit für Ihren Hauptberuf „Vater“ lassen soll, ist die Zweitkarriere als Straßenmusikant die bessere Alternative.

Freilich lässt sich mit dem Internet durchaus richtiges Geld verdienen: Mit einem Online-Shop zum Beispiel. Aber in den müssen Sie ähnlich viel Arbeit stecken wie in den Aufbau und das Führen eines Ladengeschäfts. Oder, darauf stößt jeder früher oder später, mit dem Vermitteln von Geschäften über Partnerprogramme. Dazu benötigen Sie „nur“ eine Website. Wenn Sie ausreichend viele interessierte Besucher anziehen, können Sie davon leben. Das geht am besten per Suchmaschinenoptimierung. Ich habe mit Profis gesprochen, die es schaffen, ihre Websites über Monate hinweg unter relevanten Suchbegriffen in den Top 3 der Google-Suchergebnisse zu halten, und damit wirklich Geld verdienen. Aber weniger als zehn Stunden pro Tag arbeitet auch von denen keiner.

Zusammenfassend: Das Internet bietet durchaus alternative Einkommensmöglichkeiten. Reich werden dabei aber nur wenige – und nur die allerwenigsten (wie Alex Tew, Erfinder der Million Dollar Homepage) schaffen das, ohne dafür wirklich hart zu arbeiten.

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