Begegnung mit dem Tod

“Endlich wieder einer gestorben” – einer meiner Söhne hat sich entschlossen, vor Antritt seiner Ausbildung dem Vaterland zu dienen, und sieht noch bis zum April jeden Tag dem Tod ins Auge. Nicht dem eigenen zwar, aber verändert hat ihn diese Erfahrung dennoch.

Menschen sterben, und man sollte meinen, Kinder, die in einer halbwegs großen Familie aufwachsen, würden eher früher als später automatisch mit dem Tod konfrontiert. Großeltern sterben, Onkel und Tanten, Haustiere – doch gerade, was den Tod von Menschen betrifft, greifen viele Eltern zu Euphemismen und Tarnungen, um ihre Kinder (und sich selbst) vor der all zu heftigen Konfrontation zu schützen: Wir verstecken unsere Toten in Holzkisten, die wir eilig in der Erde vergraben, wir gebrauchen Redewendungen wie “von uns gegangen”, “eingeschlafen” oder “an einem besseren Ort”, statt die Dinge beim richtigen Namen zu nennen. Ich selbst war 40, als ich den ersten Leichnam sah, den meiner Mutter (dazu später mehr). Bis dahin, so denke ich, habe ich zwar an nicht zu wenigen Beerdigungen teilgenommen, Abschied und Trauer habe ich so kennen gelernt, aber nicht das Phänomen Tod an sich.

Besagter Junior, der übrigens nicht unsere Freiheit am Hindukusch verteidigt, sondern bei seinem Zivildienst in einem Pflegeheim hilft, das Leben alter Menschen erträglich zu gestalten, hat dieses Phänomen inzwischen ebenfalls kennen gelernt. In den ersten Wochen war er stets nur von anderen Mitarbeitern informiert worden: “Herr … ist gestorben, heute müsst ihr sein Zimmer ausräumen”, und das durchaus als angenehme Abwechslung betrachtet – den Verstorbenen hatte er im Regelfall nicht gekannt, und wenn er seine Arbeit in besagtem Zimmer aufnahm, hatte ein Bestatter längst den Leichnam abgeholt.

Bis zu jenem Tag, als er im Zimmer einer alten Dame die Blumen gießen sollte. Dass sein Guten-Morgen-Gruß unerwidert blieb, irritierte ihn, er ging zum Bett der Dame und sah ihr bleiches, eingefallenes Gesicht, das keine Regung mehr verriet. Sie musste wohl schon in der Nacht aufgehört haben zu atmen, erzählte er mir später. Für ihn hatte der Tod von diesem Tag an eine neue Bedeutung. Obwohl er die Dame kaum gekannt hatte, hat die unerwartete Konfrontation mit dem Leichnam sein “Todesbewusstsein” verändert: Kein Sarg, keine Blumen, keine schwarzen Anzüge – hier war die brutale, ungeschminkte Wirklichkeit des Todes. “Besser ist es in das Haus der Trauer zu gehen, als in das Haus des Festmahls zu gehen, denn das ist das Ende aller Menschen; und der Lebende sollte sich das zu Herzen nehmen”, heißt es in der Bibel. Ich glaube, er hat es sich zu Herzen genommen, denn einen zynischen Satz wie “Endlich wieder einer gestorben” habe ich seither nicht mehr von ihm gehört.

Weitersagen!

Kommentare

One Kommentar zu “Begegnung mit dem Tod”

  1. Tweets die Überleben als alleinerziehender Vater » Begegnung mit dem Tod erwähnt -- Topsy.com am November 27th, 2009 12:23

    [...] Dieser Eintrag wurde auf Twitter von Dirk Bongardt, Karl-Heinz Mechler erwähnt. Karl-Heinz Mechler sagte: RT: @dirkbongardt: frisch gebloggt: Begegnung mit dem Tod – http://tinyurl.com/yc6h6c6 [...]

Schreibe einen Kommentar




Easy AdSense by Unreal