Auf Wiedersehen, Mami

Ein Jahr und vier Monate sind vergangen seit jenem schwarzen Tag, als meine Geschwister und ich am Bett unserer Mutter standen, um ein letztes Mal ihre schon leblosen, erstarrten Hände zu streicheln und uns für lange Zeit von ihr zu verabschieden. Sie hatte den zweiten Weltkrieg überlebt, die Tuberkulose, die brutale Treulosigkeit meines leiblichen Vaters. Neun Jahre war sie meinem Bruder und mir Alleinerzieherin gewesen, und immer, wenn ich in den letzten Jahren erschöpft oder der Verzweiflung nah war, hatte ich mir sie zum Vorbild genommen: „Mami hat das auch geschafft.“

Doch nun hatte sich der Krebs als stärker erwiesen, und einige Tage später haben wir sie beerdigt. Ich war einer von denen, die an ihrem Sarg ein paar Worte sprachen. Ich denke, die folgenden Worte machen deutlich, was für ein Mensch sie gewesen ist. Sie hätte ganz sicher gewollt, dass man sie so in Erinnerung behält:

Lebewohl, Hafenmeisterin!

Zu den schönsten Urlaubserinnerungen aus meiner ganz frühen Kindheit gehören für mich unsere Urlaube in der norddeutschen Hafenstadt Cuxhaven. Seither haben Häfen auf mich immer eine ganz besondere Faszination ausgeübt, aber erst heute weiß ich, warum: Wir hatten selbst einen solchen Hafen, und Mutti war unsere Hafenmeisterin.

Warum gibt es überhaupt Häfen? Nun, zunächst einmal, damit Schiffe einen Ort haben, von dem aus sie in See stechen, und zu dem sie zurück kehren können. Ein Hafen ist das Tor zur ganz großen Freiheit: Ablegen, Segel setzen, auf Kurs gehen, all das beginnt im Hafen, so, wie Marions, Veras, Marcos und mein Leben im Hafen unserer Familie begann.

Zugleich bietet ein Hafen auch Sicherheit: Die Hafenmauer schirmt das Hafenbecken gegen das offene Meer ab, Wind und Wellen können den Schiffen hier nichts anhaben. Wen auf See ein böser Sturm überrascht, der ist überglücklich, wenn er am Horizont ein Hafenfeuer entdeckt, auf das er zusteuern kann. Und wenn der Mast gebrochen, der Proviant ausgegangen oder die Ankerkette festgerostet ist, dann ist es ebenfalls Zeit, den Hafen anzusteuern, denn hier kommt alles wieder in Ordnung.

Am Anfang, als wir noch jung waren, da war unsere Hafenmeisterin vor allem auch eine exzellente Seefahrerin, und weil wir noch keine Erfahrung auf dem Meer des Lebens hatten, fuhren wir alle im Boot unserer Hafenmeisterin mit, die nicht müde wurde, uns vor Untiefen, Sandbänken, Riffe und gefährlichen Strömungen zu warnen. Nicht selten wurde uns das lästig, denn am liebsten wären wir, ohne lange nachzudenken, mit vollen Segeln dahin gerauscht. Dass es im Leben so manches Riff gibt, an dem selbst große Schiffe zerbrechen können, sahen wir zum Teil erst später ein, als wir unsere eigenen Schiffe steuern mussten.

Aber wir haben von ihr nicht nur gelernt, Gefahren aus dem Weg zu gehen: Als sie in einen der schwersten Stürme ihres Lebens geriet und ihr erster Steuermann, Werner, über Bord ging, da hatten Marion und Vera gerade ihre eigenen Boote bestiegen, und unsere Hafenmeisterin  hatte plötzlich nur noch zwei kleine Leichtmatrosen an Bord, die ihr alles andere als eine große Hilfe waren. Es war eine harte Zeit, bis sie ihr Boot samt ihren Söhnen zurück in den sicheren Hafen gebracht hatte, und wer will es ihr verübeln, wenn sie ihren Leichtmatrosen in diesem Sturm die Rettungswesten manchmal etwas zu eng um den Leib schnallte? Aber sie gab ihnen auch ein Beispiel, das sich unauslöschlich einprägte: Niemals aufgeben, niemals den Untergang akzeptieren, und so schlimm er auch toben mag, sich niemals vom Sturm des Lebens den eigenen Kurs diktieren lassen.

So wie sie zuvor schon Marion und Vera geholfen hatte, ihre eigenen Schiffe auszurüsten, ihren Kurs zu bestimmen und in See zu stechen, so half sie danach auch Marco und mir, wobei sie sich wohl gewünscht hätte, wir hätten unsere Schiffe noch ein wenig länger in ihrem Hafen festgemacht. Aber sie respektierte, dass wir unseren Kurs selbst setzen würden, und dass wir, zu unserer eigenen Zeit, in See stechen würden, auch wenn ihr wohl so manches Mal weder unsere Zielhäfen noch unsere Reisebegleitung besonders zusagten. Sie wusste, Schiffe sind am sichersten, wenn sie im Hafen bleiben. Aber sie wusste auch, dafür sind Schiffe nicht gemacht.

Und so kam es, dass wir, alle vier, irgendwann auf unterschiedlichen Kursen durch das Meer des Lebens steuerten, und unsere Hafenmeisterin mag gedacht haben, ihre Arbeit sei getan. Aber wahrscheinlich hat sie geahnt, dass es nicht lange dauern würde, bis auch der eine oder andere von uns in einen Sturm geraten würde – und so kam es. Und dann war sie immer wieder da. Wenn sich drohende Wolken über unseren Segeln zusammenbrauten, wussten wir, in ihrem Hafen würden wir auch den schlimmsten Sturm überstehen, und wenn unser Schiff auf einer Sandbank feststeckte, oder wir im Nebel des Lebens die Orientierung verloren hatten: Ein SOS in ihr Telefon genügte, und sie sprang in den nächstbesten Kahn, kam, und half uns, unser Schiff wieder flott zu machen. Wir blieben nie lange in ihrem Hafen, aber wir konnten sicher sein, die Hafeneinfahrt würde für uns nie verschlossen sein.

In den letzten Jahren wurden Rettungseinsätze seltener, aber wir kamen immer wieder gern in ihren Hafen zurück, erzählten ihr von unseren Reisen und wurden, statt mit Schiffszwieback und Rum, mit Kaffee und Preiselbeertorte versorgt. Die Stürme hatten nachgelassen, der Wind des Lebens schien zu einer sanften Brise abzuflauen. Und niemand von uns ahnte, dass sich weit draußen auf See eine Riesenwelle aufgeschaukelt hatte, die unaufhaltsam auf den Hafen zuraste, wo es sich unsere Hafenmeisterin auf der Kaimauer bequem gemacht hatte. Was dann geschah, ist der traurige Grund, warum wir heute hier sind. Wir haben unsere Hafenmeisterin verloren.

Was wir nicht verloren haben, ist das, was sie uns beigebracht hat: Unseren eigenen Kurs auf dem Meer des Lebens zu setzen, uns keinem Sturm zu beugen und auch in der verzweifeltsten Situation den Untergang nicht kampflos zu akzeptieren. Und vielleicht lernen wir sogar, eines Tages für unsere Lieben ebensolche Hafenmeisterinnen und Hafenmeister zu werden.

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